Der Antikonformist auf dem Stuhl Petri

„Weiße Kreuzigung“ von Marc Chagall Lieblingsbild des neuen Papstes

(Zenit.org)  Die berühmte „Weiße Kreuzigung“ von Marc Chagall ist das Lieblingsbild von Papst Franziskus. Das offenbarte der Pontifex 2010 in einem Interview mit den Journalisten Francesca Ambrogetti und Sergio Rubin, das in Buchform mit dem Titel „Der Jesuit“ erschien.Chagall

Das quadratische Ölbild, eines der wichtigsten und meist diskutierten Werke des russischen Künstlers (1887-1985), wird im Art Institute von Chicago aufbewahrt. Der selbst aus einer orthodoxen jüdischen Familie stammende Chagall, hat sich in vielen seinen Werken mit der christlichen Religion auseinandergesetzt. Kreuzigungsszenen hat er gleich mehrere gemalt. Die „weiße Kreuzigung“, so genannt wegen des weiß-grauen Hintergrundes, interpretiert den gemarterten Christus jedoch auf eine besondere, einzigartige Weise: Der Gekreuzigte ist hier als Jude dargestellt mit dem Tallit um die Hüften, dem jüdischen Gebetsschal, und einem Tuch anstelle der verspottenden Dornenkrone auf dem Haupt. Um ihn herum versinkt die Welt in Chaos und Leid: statt der beistehenden Gottesmutter sieht man Szenen des Judenpogroms.

Christus als Urbild des jüdischen Märtyrers

Anlass für das Werk war die Reichskristallnacht im November 1938 und die damit in Europa einsetzenden gewaltsamen Ausschreitungen gegen Juden.

Auf den ersten Blick ähneln die im „Naiv-Stil“ gemalten Figuren und Gegenstände den bekannten Traumbildern des Künstlers. Die dargestellte Gewalt und Brutalität erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung. Der gekreuzigte Christus nimmt die Bildmitte ein. Chagall wählte bewusst die T-Form für das Kreuz und nicht die „Schwertform“ mit dem Hochbalken, da dieses an das Schwert der Kreuzzüge erinnert. Es wird als pazifistisches Anspielung  gedeutet, als Forderung nach Frieden in einem von Kriegsstimmung übermannten Deutschland. Die Inschrift I.N.R.I. erscheint zwei Mal über dem Kreuz: in blutroten ‚gotischen’ Buchstaben, die an die völkischen Hetzblätter erinnern, und in hebräischer Schrift voll ausgeschrieben. Zu Füssen des Heilands befindet sich der jüdische Leuchter, die Menorah, über der ein Nimbus schwebt. Position und Heiligenschein sind Ausdruck der Verehrung Christi durch Chagall. Ein breiter, weißer Lichtstrahl durchfährt von oben den Gekreuzigten. Den transzendenten Lichteinbruch hat Chagall auch in anderen Werken für jüdische Propheten gewählt. Er hebt Christus damit auf dieselbe Stufe wie die von den Juden verehrten Propheten. Aber noch wichtiger ist die Botschaft, dass in dem Gekreuzigten das Martyrium des jüdischen Volkes durch Gott angenommen wurde. Für Chagall wird Jesus zum Zeichen für sein jüdisches Volk.

Gleichzeitig scheint Christus trotz blutiger Hände und Füße am Kreuz entschlummert zu sein, seine Augen sind geschlossen. Das Leid und die Zerstörung um ihn herum nimmt er nicht wahr. Die große an das Kreuz gelehnte Leiter wird von manchen als Aufforderung interpretiert, vom Kreuz herunter zu steigen und die Gewalt zu beenden. Andere gehen darüber hinaus und lesen darin vor allem eine Kritik an der passiven Haltung Kirche während des Nationalsozialismus.

Rund um den Gekreuzigten ist die Welt in Aufruhr, eine Welt, die in revoltierender Auflehnung versinkt: in Umsturz, Plünderung, Brandstiftung, Mord, Zerstörung und Vertreibung. Rechts züngeln leuchtend gelbe Flammen aus einer Synagoge. Ein Schwarzuniformierter, vor Hass blutrot im Gesicht, hat den Vorhang angezündet. Auf der Straße liegen der geplünderte Kronleuchter und ein umgekippter Stuhl, auf dem einst Fromme gesessen und, sich im Gebet wiegend, göttlichen Trost empfangen hatten. Der Thoraschrein ist umgestürzt, grauer Rauch steigt aus einer in Brand gesteckten Thora-Rolle auf. Gebetbücher, manche Seiten gewellt von Tränen, liegen aufgeschlagen im Schmutz. Ein alter Jude versucht mit einem armseligen Flüchtlingssack auf den Schultern regelrecht aus dem Bild zu fliehen. Ein überladenes Flüchtlingsboot schaukelt ziellos auf den Wellen, ohne Hoffnung auf einen rettenden Hafen. Es sind die Bewohner eines zerstörten Dorfes. In der Ferne sieht man Kämpfer der Roten Armee anrücken, die der russische Maler Rettung offenbar als Wehr gegen den nationalsozialistischen Vernichtungswahn herbeisehnt. Ein anderer Mann, durch ein weißes Schild um den Hals als Jude gebrandmarkt, wankt halb ohnmächtig mit ausgebreiteten Armen. Eine Gruppe von alten Juden beweinen allein vom Himmel die dramatischen Szenen.

Die Kreuzigung Chagalls ist ein erschütterndes Zeitdokument, der Künstler ahnte offenbar schon 1938 die Gräuel, die nach der Reichskristallnacht auf sein Volk zukommen sollten. Die symbolhaften, kleinen Szenen und auch die Rolle des Gottessohns wurden aber auch kontrovers diskutiert. Chagall musste viel Kritik einstecken für die sehr persönliche neue Christusfigur:  Für Christen war sie eine provokative Erinnerung an den Juden Jesus, während Juden darin eine anstößige, „christlich gefärbte“ Jesus-Rezeption lasen. „Sie haben nie verstanden, wer dieser Jesus, einer unserer liebevollsten Rabbiner, der stets für die Bedrängten eintrat, wirklich war. Sie haben ihn mit lauter Herrschaftsprädikaten bedacht. Für mich ist er das Urbild des jüdischen Märtyrers zu allen Zeiten,“ verteidigte sich der Maler.

Franziskus sucht Freundschaft und Dialog mit dem Judentum

Obwohl sich Papst Franziskus, damals noch Kardinal, nicht im Detail zu dieser außergewöhnlichen Interpretation Chagalls äußerte, offenbart sein „Lieblingsbild“ eine gewisse Aufgeschlossenheit gegenüber antikonformistischen Bildinhalten.  Der jüdisch gekleidete Christus erinnert an die jüdischen Wurzeln des Christentums und vor allem daran, dass in den Progromen dem Heiland „erneut“ Leid zugefügt wurde. Er verweist auf die religiöse „Verwandtschaft“ und Dimension, auf die gemeinsamen Herkunft in Abraham, die die nationalsozialistische Rassenidee vollkommen ignorierte. Dass Bergoglio seit vielen Jahren freundschaftlichen Kontakt zu der jüdischen Gemeinde von Buenos Aires pflegt, ist bekannt. Und er beabsichtigt diese persönliche Beziehung zum Judentum offenbar als Pontifex fortzusetzen. So kann man zumindest die Einladung des italienischen Oberrabbiners Riccardo Di Segni zu seiner feierlichen Amtseinsetzung verstehen.