Der Roman „Vita“ von Melania Mazzucco erinnert daran, wie sich die halbe Jugend Süditaliens um 1900 auf den Weg in die USA machte, weil sie ein besseres Leben wollte. Sie stieß auf ähnliche Vorurteile wie heute Migranten aus Afrika oder Asien.
Weiterlesen: „No dogs, niggers, italians“Anfang August machte ein während der Flüchtlingskrise in der spanischen Exklave Ceuta gedrehtes Video die Runde im Netz. Darin fleht ein unbegleiteter zwölfjähriger Marokkaner die Guardia Civil weinend an, ihn nicht nach Marokko zurückzuschicken. Die Entschlossenheit des Kindes, die familiäre Geborgenheit für eine Reise ins Ungewisse aufzugeben, hat viele erschüttert.
Diese Bilder kommen einem unwillkürlich in den Sinn, wenn man das Auswandererepos „Vita“ von Melania Mazzucco in die Hand nimmt. Es erzählt vom Abenteuer und Leid italienischer Migrantenkindern am Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA, ein in der italienischen Geschichte verdrängtes oder zumindest vernachlässigtes Kapitel. Der Roman gewann 2003 den renommierten Premio Strega. Er war auf Deutsch lange vergriffen und wurde nun in einer überarbeiteten Übersetzung von Karin Fleischanderl im Folio Verlag neu aufgelegt.
Es ist die wahre Geschichte des Großvaters der in Rom lebenden Autorin. Diamante wurde mit zwölf Jahren von der Familie nach New York geschickt, um dort Arbeit zu finden, die es in Tufo di Minturno, seinerzeit zu Kampanien gehörend, nicht gab. Seine Eltern waren bettelarme Landarbeiter und hatten bereits zwei Kinder wegen Unterernährung verloren. Süditalien war damals noch nicht industrialisiert und litt zwischen 1880 und 1914 unter einer katastrophalen Agrarkrise, die vierzehn Millionen Italiener zum Exodus trieb, die sogenannten Große Auswanderung. Dass Kinder früh zum Lebensunterhalt beitrugen, war damals nichts Ungewöhnliches. Entsprechend endete die Schulpflicht nach der dritten Klasse; erst 1907 wird sie auf fünf Jahre verlängert.

„Fare l’America“ – oft ein Flop
Mit in den Unterhosenbund eingenähten Zehn-Dollar-Noten, die zu entrichtende Einreisegebühr auf Ellis Island, und mit der neun Jahre alten Cousine Vita im Schlepptau, besteigt Diamante voller Hoffnung im Frühjahr1903 in Neapel das Schiff in die Neue Welt, die der Ruf märchenhaften Möglichkeiten umgab. Die beiden Dorfkinder staunen nicht wenig, als sie zum ersten Mal Autos und Wolkenkratzer oder über die breiten Boulevards eilende Männer mit Melone und Spazierstock erblicken.
Wie heute noch zählte die „Migrationskette“, das Netz von Pionieren, das die Eingliederung der Nachhut, Verwandte oder Leute aus demselben Ort, im Zielland erleichtert. Unsere Protagonisten kommen bei Vitas Vater unter. Von Solidarität und Hilfe kann jedoch keine Rede sein. Der Straßenhändler ist ein gewalttätiger padrone, der von der Ausbeutung der Neuankömmlinge in einer schmierigen Pension in Little Italy lebt. Er lässt seine kleine Tochter wie eine Magd in der Pension schuften, während Diamante für außer den Schlafplatz und die karge Kost, Milch und kalte Dosenbohnen, auch die Schiffspassage bezahlen muss. Das zwingt ihn sofort jegliche Arbeit anzunehmen, etwa als Zeitungsjunge, Kohlenschlepper oder Totengräber.
Rassistische Vorurteile
In jener Dekade wird New York von durchschnittlich 30.000 Arbeitssuchenden monatlich geflutet. Hierarchie und Überlebenskampf sind unter den Italienern aus dem kaum alphabetisierten Süden besonders hart. Little Italy im Lower Manhattan gilt als schmutziges Ghetto, in der Schutzgelderpresser wie die „Schwarzen Hand“ das Sagen haben. Sie sind die Vorhut der späteren Mafia.
Die illegal vermieteten Schlafplätze der überfüllten Mietskasernen in der Prince Street Nr. 18 sind berüchtigt und im Visier der US-Gesundheits- und Schulbehörde. Vita wird zwangseingeschult, doch ist die Schule für sie ein Ort der Isolation und Diskriminierung. Süditaliener werden von der anglo-amerikanischen Gesellschaft wegen ihrem dunkleren Teint und schwarzem Haar tiefer eingestuft als die Mittel- und Nordeuropäer. Sizilianer und Neapolitaner hält man für grundsätzlich kriminell oder zumindest aufgrund ihres strengen Katholizismus und des Festhaltens an eigenen Traditionen für nicht integrationsfähig. Schilder mit rassistischen Zutrittsverboten „no dogs, niggers, italians“ hängen vor vielen Läden und Lokalen.
„Die Italiener galten damals als Bindeglied zwischen der schwarzen und der weißen Rasse, mit einer eindeutigen Tendenz zur schwarzen“, erklärt Mazzucco, die für den Roman Archive in Ellis Island und zeitgenössische Zeitungen durchstöbert hat. Von jenen schmachvollen Erniedrigungen erzählt die offizielle Emigrationsgeschichte nicht.
Vita hält durch, Diamante gibt auf
Vita schafft trotz freudloser Jahre schwerer Hausarbeit und später als Geliebte eines Mafioso am Ende doch noch den Weg ins bürgerliche Leben: sie eröffnet ein Restaurant, das sogar in Touristenführern empfohlen wird. Ihrem Lebenswillen, Vita heißt übersetzt Leben, ist das Buch gewidmet. Diamante, der stolze Klassenbeste aus Tufo, scheitert hingegen. Ohne rechte Englischkenntnisse und Ausbildung schafft er es nicht über den Hilfsarbeiter hinaus, weder in New York noch im rauen Mittleren Westen, wo er als Wasserträger für die Gleisarbeiter oder als Bühnenarbeiter beim Stummfilm täglich fünfzehn Stunden schuftet. Er kann nur wenige Dollars nachhause schicken, sein Sold reicht kaum zur eigenen Ernährung. Ausgezehrt und enttäuscht kehrt er nach neun Jahren in die Heimat zurück, wo er eine kleine Stellung bei der Bahn findet. Der soziale Aufstieg gelingt erst dem Sohn Roberto, Mazzuccos Vater, der studiert und Dramaturg wird, als wolle er den Analphabetismus der ersten Auswanderergeneration auslösen. Die Enkelin schließlich, öffnet jenen Koffer – ohne Geld, aber „vollgepackt mit Worten“ – den Diamante aus Amerika mitgebracht hat, und fügt sie zu einer romanzierten Biografie zusammen.
Mazzucco gibt stellvertretend für ihren Großvater Millionen namenloser Migranten eine Stimme. In der Prince Street wetteifern heute Kunstgalerien mit trendigen Modeläden und die Italiener sind längst für ihre Kreativität und Professionalität geachtet.
Der Roman ist ein ungeschönter und zugleich epischer Roadtrip durch die USA der zweiten industriellen Revolution. Er ist heute umso wichtiger, denn er lehrt, dass junge, in Armut aufwachsende Menschen stets nach einem besseren Leben streben werden – und vor allem, dass Einwanderern immer dieselben Vorurteile anhaften.

