Avvocato Guido Guerrieri ist Protagonist der Justizkrimis von Gianrico Carofiglio und literarische Kultfigur der intellektuellen Linken in Italien. Im siebten, nun auf Deutsch erschienenen Band der Reihe schickt ihn der Autor zum Therapeuten. Hat die globale Gesellschaftskrise nun auch die Krimis erfasst?
Wahrscheinlich können es sich nur wenige Schriftsteller leisten, ihr Publikum mit einem Krimi anzulocken und ihm dann aber einen Entwicklungsroman unterzuschieben. Diese Kunst beherrscht Gianrico Carofiglio, oder anders ausgedrückt: Man verzeiht es ihm gerne. Der ehemalige Staatsanwalt, Meister der literarischen Ermittlungskunst, ist einer der angesehensten Gegenwartsautoren Italiens. In seinem neuen Band der beliebten Justizthriller-Reihe „Guerrieri“, der jetzt unter dem deutschen Titel „Der Horizont der Nacht” im Folio Verlag erschienen ist, beschäftigt sich Avvocato Guido Guerrieri neben der Aufklärung eines Mordes mit den eigenen Seelennöten. Der smarte Serienheld landet auf der Couch eines jungianischen Psychoanalytikers und erzählt uns von seiner Krise.

Rache für die misshandelte Schwester?
Guerrieri ist seit seiner literarischen Erfindung im Jahr 2002 für Gerechtigkeit im apulischen Bari im Einsatz, Provinz von mafiösen Clans. Obwohl mit allen juristischen Tricks seiner Branche geschlagen, ist der brillante Strafverteidiger doch eher ein ironisch-melancholischer Mensch mit ethischen Prinzipien. Nach Büroschluss tapert er etwas ziellos durchs Privatleben, verbringt Abende in Buchläden-Cafes oder vertraut einem Boxsack im Wohnzimmer seine Frustrationen an.
Er ist gerade frisch verlassen von seiner Partnerin, als ihn der Buchhändler bittet, eine Freundin zu verteidigen. Elvira Castell hat den gewalttätigen Ex-Partner ihrer Zwillingsschwester in einem Streit getötet, sie steht unter Schock und erinnert sich nicht. Der Fall sieht nach Notwehr aus, seine ersten Nachforschungen bestätigen das.
Nun könnte man meinen, dass sich der Autor mit der moralischen Rechtfertigung von Selbstjustiz auseinandersetzt – hierzulande ist Gewalt gegen Frauen ein höchst sensibles Thema. Ihn interessiert jedoch primär die juristische Wahrheitsfindung und die Realität im streng geordneten italienischen Gerichtswesen. Guerrieri versucht, eine Verurteilung wegen vorsätzlichen Mordes zu verhindern, denn das würde lebenslange Haft bedeuten. Insgeheim befallen ihn aber Zweifel hinsichtlich der ambivalenten Frau. Ist ihre Amnesie echt? Oder wollte sie ihn von Anfang an töten, wie die Anklage behauptet? Ein Motiv hätte Elvira allemal, denn ihr Schwager hat ihre Schwester in den Selbstmord getrieben.
Das kann auch einem Helden passieren
Während Guerrieri tagsüber vor Gericht für seine Mandantin kämpft, analysiert er abends in einer Gesprächstherapie mit Dr. Carnelutti seine eigenen seelischen Grauzonen. Dass Annapaola ihn wegen einer anderen Frau verlassen hat, nagt an seiner Männlichkeit. Noch schwerer wiegt jedoch die Todesnachricht einer alten Jugendliebe, die ihn zu einem Rückblick zwingt. Plötzlich erscheint ihm sein Leben verfehlt, sein Wahrheitsanspruch sinnlos. Er überlegt, den Beruf aufzugeben. Zum ersten Mal ist der sonst idealistische Guerrieri ein resignierter, einsamer Mann, müde vom Gerichtsalltag und verunsichert von seinen privaten Misserfolgen. Die Introspektion des Protagonisten bildet einen parallelen Erzählstrang und lenkt vom spannenden Justizfall leider etwas ab.
Was den Roman dennoch zusammenhält und lesenswert macht, ist die Gedankenwelt des Protagonisten. Sie ist nie banal, sondern voller kluger Beobachtungen und Reflexionen. Guerrieris Ängste sind typisch für eine Midlife-Crisis, in der man Lebensentscheidungen und Sterblichkeit neu bewertet. Carofiglio ist ein gemächlicher Seelenerkunder, seine Sprache ist präzise, schnörkellos und ohne Effekthascherei, auch wenn die vielen Zitate des belesenen Anwalts – Guerrieri liebt Musik und Bücher – ein wenig überfordern. Der ruhige Erzählrhythmus wirkt fast meditativ und ist untypisch für das Genre.
Ein Happy End kann es in einem Mordprozess naturgemäß nicht geben. Sagen wir: Es kommt zu einem akzeptablen Urteil. Auch für unseren nach Traumanalysen und Plädoyers ausgelaugten Anwalt gibt es einen Hoffnungsschimmer. Es ist eine schicksalhafte Begegnung bei Morgengrauen mit einer Frau, die ihm wieder einen zarten Horizont erkennen lässt. Nach der Lektüre fühlt man sich wie nach einer langen Autofahrt durch die Nacht, wenn man endlich angekommen ist und den Motor abstellt: geläutert und ein wenig verändert.
„Der Horizont der Nacht“ stand wochenlang auf Platz eins der italienischen Bestsellerlisten. Es ist sicherlich Carofiglios persönlichstes Buch, obwohl er biografische Züge bei einem Pressetreffen im Februar in Rom abstreitet. „Ich verstehe die Guerrieri-Reihe als einen Makro-Entwicklungsroman.“ Damit meint er wohl, dass den Guerrieri-Fans keine Lebensphasen des Protagonisten erspart werden.
Autoritäre Stimme in Italien
Formale Parallelen zwischen dem Autor und seinem Helden fallen gleichwohl ins Auge, etwa das Alter, der Handlungsort Bari, die Leidenschaft für Literatur und für Kampfsport, – Guerrieri boxt, Carofiglio hat den 6. Dan in Karate. Nicht zuletzt sind es die politischen Werte, die der frühere Mafia-Jäger als Senator für den linksdemokratischen Partito Democratico von 2008 bis 2013 in die Praxis umsetzen konnte. Kurz, Carofiglio entspricht dem Typ des drahtigen Linksintellektuellen mit grauen Schläfen, so wie man sich den süditalienischen Avvocato vorstellt. Mit einem Unterschied: Der Schriftsteller ist bester Laune, von Krise keine Spur. Kein Wunder, denn jeder Titel seiner erstaunlichen Produktion landet pünktlich in den Top Ten, vier Romane wurden fürs Fernsehen verfilmt, er moderierte eine eigene Talkshow und wird gerade besonders häufig zu der umstrittenen Justizreform der Regierung interviewt, über die kommenden März ein Referendum entscheidet. Diese Monate geht er außerdem mit einem Essay zur Sprachethik und zum gefährlichen Phänomen der Sprachmanipulation rechter Politiker auf Tournee – sein Beitrag zur Stärkung der kränkelnden Demokratie. Sprachpräzision ist für Carofiglio eine Frage der intellektuellen Redlichkeit.
Der vorliegende Roman mag noch unter dem Einfluss der Pandemieerlebnisse entstanden sein, er erschien in Italien im Frühjahr 2024. Jedenfalls wolle er Guerrieri nicht in den Ruhestand schicken, versichert Carofiglio. Man darf also auf den achten Band hoffen. Vielleicht verteidigt darin der Anwalt wieder einen Afrikaner, wie im Debütroman. Warum nicht einen Flüchtling, dem eine Abschiebung in eines dieser von Giorgia Meloni gebauten Asylzentren in Albanien droht?

Gianrico Carofiglio, Der Horizont der Nacht, Roman, aus dem Italienischen von Verena von Koskull, Folio Verlag Bozen/Wien 2026, erschienen am 20. Februar 2026.
