Eine riesige Welle bedroht auf einer monumentalen Installation von JR die Vatikanische Bibliothek. Die Ausstellung „AQVA“ erzählt von der zerstörerischen und zugleich lebensspendenden Kraft des Wassers und stellt angesichts von Klimawandel und künstlicher Intelligenz die Frage, wie wir das Wissen der Menschheit bewahren können

Das Wasser steht bereits im Untergeschoss der Vatikanischen Bibliothek. Wie ein gefräßiges Seeungeheuer erhebt sich eine gewaltige Welle aus der Sturmflut, gleich wird sie seine Mauern und mit ihnen einen Schatz von fast zwei Millionen Büchern, Handschriften und Inkunabeln verschlingen.
Zum Glück ist die Katastrophe nur ein Bild, ein Schwarzweiß-Digitaldruck auf Papier, 70 Meter breit und 30 Meter hoch, und sie hängt vor der Renaissancefassade der Vatikanischen Bibliothek. Der französische Street Artist JR hat sie für den Belvedere-Hof geschaffen. Ihr Titel: „DILUVIUM“ – Sintflut.
Der Betrachter kann sich der beklemmenden Wirkung kaum entziehen. Die gewaltige Welle erinnert an reale Katastrophen wie die jüngsten Überschwemmungen in Nepal – und zugleich daran, wie verletzlich das kulturelle Gedächtnis ist. In der 550 Jahre alten päpstlichen Bibliothek lagern Schätze wie die älteste erhaltene Abschrift von Vergils „Aeneis“ etwa oder Dantes „Göttliche Komödie“ mit Illustrationen Botticellis. Der Vatikan bewahrt hier einen Teil des abendländischen Wissens, dessen Verlust unwiederbringlich wäre.

Das gezackte Wellenmotiv hat der französische Künstler einer Bibel-Gravur von Gustave Doré (1866) entnommen, es bearbeitet und vergrößert. „Die Welle ist eine Metapher für den Klimawandel, die zunehmende politische Polarisierung und die rasante Dynamik der künstlichen Intelligenz, die eine radikale Herausforderung für die Bewahrung von Wahrheit und Wissen darstellt“, erklärte er auf der Einweihung am 14. September durch Papst Leo XIV. Seit der Pandemie scheint die Gegenwart selbst in Wellen über uns hereinzubrechen. Wir durchleben eine klimatische, politische und technologische Zeitenwende. Drastischer hätte JR dieses neue diffuse Sentiment der Sorge, ja der latenten Panik, nicht ausdrücken können.
Die Angst des Bibliothekars
JR sind die Initialen für Jean-René, aber auch sonst gibt der 43jährige wenig Persönliches hinter Malcolm-X-Sonnenbrille, Bart und schwarzem Hut preis – wie es typisch für „Artivisten“ ist. Seine monumentalen Fotocollagen im öffentlichen Raum, insbesondere die Großporträts in den Favelas von Rio oder an der Mauer zu Mexiko, haben ihn weltweit bekannt gemacht. In Italien hat er schon mehrfach Aufträge erhalten, historische Fassaden mit seinen Paste-ups zu dekorieren, zuletzt die Domfassade in Neapel. Sein Aktivismus liegt auf der Linie der Umwelt-Enzyklika von Papst Franziskus und dem KI-Manifest seines Nachfolgers. Der Vatikan hatte also mehrere Gründe, den populären Künstler für ein site-specific-Projekt zu gewinnen.
Die düstere Zukunftsvision des Urban Artist bildet den Auftakt zu AQVA, der ersten Edition des fünfjährigen Ausstellungszyklus „Katastrophe und Wunder“. Das Projekt entstand aus der Idee des Vizepräfekten der Bibliothek, Don Giacomo Cardinali, sich mit den Gefahren auseinanderzusetzen, die das Bucherbe seit jeher physisch bedrohen – Wasser, Brand, Licht, Schädlinge bis hin zum Menschen selbst. Die fünf Elemente sind Ausgangspunkt für fünf Ausstellungen, Reisen durch die Geschichte und den Umgang des Menschen mit seiner Urangst vor dem Unkontrollierbaren. „Die Reihe lädt dazu ein, die Angst vor der Zukunft mit Wissensaneignung zu überwinden und in Kreativität zu verwandeln“, so der Kurator.
Von der biblischen Sintflut bis hin zu einer sich wandelnden Welt
Die erste Schau AQVA geht der Ambivalenz des Elements Wasser nach: es ist die Grundlage allen Lebens, hat aber zugleich ein zerstörerisches Potential. Manuskripte, Bücher und numismatische Objekte aus den vatikanischen Archiven erzählen von der göttlichen Strafe der Sintflut, von Meeresungeheuern, die die Fantasie aus Angst vor tiefen Wasserflächen gebar, bis hin zu den Seereiseberichten des Renaissance-Geografen Giovanni Battista Ramusio. Dass sich Wasser selbst bei einer Katastrophe wie die der Arno-Flut in Florenz im Jahr 1966 in ein nützliches Werkzeug verwandeln kann, zeigen Archivfotos von der Restaurierung der schlammbeschmutzen mittelalterlichen Manuskripte im vatikanischen Labor. Denn Wasser in destillierter oder deionisierter Form kann Pergament, Bütten und sogar Papier reinigen, Klebstoff lösen und Verformungen glätten.
Ein wichtiger Teil ist der Fischwelt und der Kulinarik gewidmet, mit antiken Rezepten des Feinschmeckers Apicius bis zu Traktaten von dem modernem Sterne-Koch Fulvio Pierangelini über Ethik, Nachhaltigkeit und Poesie in der Küche. Einen kreativen Beitrag liefern die farbenfrohen „Buchstabenfische“ des Typographen Bill Moran. Sie sind aus Buchstaben im Jugendstil zusammengesetzt und inspirieren sich an den filigranen Meerestieren, Kupferstiche der genialsten Enzyklopädien über Fische (1557). Kenner freuen sich über die beiden ausgestellten Prachtausgaben der „Aquatilium animalium historia“ von Ippolito Salviani.
Die Schau endet wie sie beginnt: mit einer weiteren Installation des Street Artist, genannt UNDAE, Wellen. Das 60-minütiges Wellenvideo, das die dunkle Sala Barberini erhellt, zeigt keine Sintflut mehr, keine Zerstörung, nur die meditative Bewegung des Wassers. Die Welle ist dieselbe geblieben, nur ihre Bedeutung hat sich verändert. Sie steht nun für den Fluss der Zeit – und vielleicht für die Hoffnung, dass Wissen ihn überdauert.
Wenn Bücher untergehen
Zum Schluss öffnet sich dem Besucher der Salone Sistino, das Sancta Sanctorum der Wissenschaftler: 70 Meter lang, mit leuchtenden manieristischen Fresken ausgemalt und gesäumt von kunstvoll geschnitzten Holzschränken für Wiegendrucke. Der prachtvolle Lesesaal ist heute 24 ausgewählten Forschern vorbehalten. An der Südwand erinnern die Fresken an die großen Wissenszentren der Antike – an Athen und Alexandria, deren Schätze längst verloren sind. Hinter dieser offenen Pracht beginnt das Reich des Verborgenen. Der übrige Bibliotheksbereich bleibt aus Sicherheitsgründen verschlossen. Die kostbarsten Manuskripte und Bände ruhen in klimatisierten Magazinen tief unter der Erde – geschützt vor Licht, Feuchtigkeit und den Gefahren, denen Bücher im Laufe der Geschichte zum Opfer gefallen sind.
Die Vatikanische Bibliothek sind also gegen Wasser und andere Katastrophen gut gewappnet – zumindest besser als so manches Klosterarchiv. Doch JRs Riesenwelle, die selbst aus fragilem, vergänglichem Papier besteht, lässt sich auch als Warnung lesen. Was geschieht mit dem kulturellen Gedächtnis Europas, wenn Brände, Starkregen, Erdrutsche und Fluten als Folgen des Klimawandels seine materiellen Zeugnisse bedrohen? Wird es uns gelingen, das über 2500 Jahre gewachsene Wissen und die Kunstschätze für die Zukunft zu bewahren?
Die Digitalisierung ist sicherlich ein Rettungsanker und indes ein zentrales Vorhaben des Vatikans, aber es schreitet nur langsam voran und ist sehr teuer. Nur etwa 35 Prozent der unschätzbaren 82.000 vatikanischen Handschriften sind bisher gescannt. Die größte Gefahr für das Buch könnte allerdings ausgerechnet dort lauern, wo man seinen wichtigsten Retter vermutet: die Technologie. Seit dem extremen Boom der Tech-Branche ist eine Art Goldrausch nach frischen Trainingsdaten ausgebrochen. KI-Konzerne aus den USA haben Massenbestellungen bei europäischen Antiquariaten aufgegeben. Die herausgelösten Buchseiten werden durch Hochgeschwindigkeitsscanner gejagt und anschließend oft geschreddert. Ausgerechnet das physische Original kann dabei zum Rohstoff für seine eigene digitale Unsterblichkeit werden.
Aber werden Bücher, gleich ob digital oder analog, von den neuen Generationen überhaupt noch gelesen werden? Und die wichtigste Frage im Hinblick auf das KI-Zeitalter: Wie kann das bisherige Wissen manipulationsfrei weitergegeben werden?
Vielleicht liegt darin die eigentliche Pointe dieser Ausstellung: Wissen lässt sich speichern, digitalisieren und kopieren – aber nicht ohne Weiteres bewahren. Es braucht Orte, Menschen und die Entscheidung, dass etwas überliefert werden soll.
Ausstellung „AQUA – catastrofe e meraviglia“ läuft bis 14. Mai 2027, nur samstags von 10-18.45 Uhr, freitags Sonderführungen für Gruppen um 18 Uhr, online Reservierung obligatorisch: https://www.catastrofeemeraviglia.it/. Einen Blick auf die Installation DILUVIUM im Belvedere Hof kann man auch beim Besuch der Vatikanischen Museen werfen, und zwar von der Veranda, die zu den Raffael-Stanzen führt!

