Raubkunst mit Happy End

Die Nachfahren des Hamburger Holocaustopfers Franz Rappolt verlangen keine Sühne. Als ihnen der Bund nach 74 Jahren ein Gemälde aus dem Familienbesitz restituiert, das Hitler für sein Führermuseum wollte, überlassen sie es dem Goethehaus in Rom

Das Goethe-Museum in Rom bekommt regelmäßig Leihgaben ins Haus, aber dieses Mal war es ein besonderer, fast sakraler Akt. Alle Mitarbeiter waren andächtig versammelt, als die Restauratorin das Landschaftsgemälde von Philipp Hackert (1737-1807) aus den meterlangen Bahnen Luftpolsterhülle schälte, in der es den Kunsttransport aus Berlin angetreten war. Behutsam wurde das Ölbild begutachtet und von allen Seiten fotografiert. Auf der Rückseite des Rahmens kleben noch verschiedene vergilbte Etiketten mit Nummern und Namen, verschlüsselte Zeugnisse der Depots, Besitzer und Leihnehmer, die das Bild beherbergten oder ihr Eigentum nannten. Sie dokumentieren nicht nur die Etappen einer Odyssee, sondern zeichnen gleichsam die Geschichte eines Jahrhunderts nach.

Die „Enthüllung“ des Hackert-Gemäldes in der Casa di Goethe, Rom © Privatbesitz

Wichtigstes Emblem: das winzige, blau gezackte Etikett mit der Inventarnummer 905 des «Sonderauftrags Linz», wie der Deckname der Beschaffungskampagne für das geplante Führermuseum in Linz lautete. Bevor die Leinwand im berüchtigten Kunstarsenal Hitlers landete, glitt sie durch die Hände altbekannter Kunstdealer: Hildebrand Gurlitt und Karl Haberstock. Heute weiß man, dass es sich um einen verfolgungsbedingten Verkauf handelt. An ihm haftet der Fluch der NS-Raubkunst. Ein wenig kurios mutet auch die Nachkriegsgeschichte des Bildes an. Bis kurz vor seiner Restitution im Jahre 2017 schmückte es einen Raum im Auswärtigen Amt.

Wahrheit in den Geschäftsbüchern Gurlitts

Der «Schwabinger Kunstfund» brachte die Wende. Eine Taskforce durchforstete 2015 die Geschäftsbücher von Gurlitt, die bei der Hausdurchsuchung seines Sohnes Cornelius in Salzburg entdeckt worden waren. Darin stand schwarz auf weiß der Name des ursprünglichen Eigentümers, während der alte Gurlitt stets abgestritten hatte, sich an den Verkäufer zu erinnern: Franz Rappolt. Es handelt sich um den jüdischen Textilunternehmer aus Hamburg, der 1942 deportiert und im Folgejahr in Theresienstadt ermordet wurde. Er ist einer der prominenten Holocaustopfer in Norddeutschland, dem die Stadt Hamburg bereits 1965 eine Straße gewidmet hatte, den Rappolt-Weg.

Franz Rappolt gehörte dem Hamburger Großbürgertum an. Der perfekt assimilierte, protestantisch getaufte Jude steuerte mit Geschick das väterliche Unternehmen für Herrenmode, Oppenheim & Rappolt, durch den ersten Weltkrieg und die Wirtschaftskrise, gründete Filialen pflegte und Kontakt zu wichtigen Bankhäusern. Mit der Machtergreifung Hitlers werden Lebenswerk und Ansehen brutal zerschlagen. Auf den Verlust der Ehrenämter in der Handelskammer folgte die Arisierung seiner Fabrik und die Beschlagnahme seiner Konten. Zwei seiner Söhne konnten noch rechtzeitig nach England und in die USA emigrieren, während er zunächst aufgrund seines fortgeschrittenen Alters in der Heimat bleiben wollte. Als er erkannte, dass die Nazis nicht nur nach seinem Besitz, sondern auch nach seinem Leben trachteten, war es zu spät. Der Versuch an ein Visum zu gelangen, scheiterte. Seine depressiv gewordene Frau nahm sich das Leben, ebenso zwei seiner Brüder, die die Ungewissheit der Deportation nicht ertrugen. Der dritte Sohn Fritz wurde im Ghetto von Minsk erschossen, als er Briefe nach draußen schmuggelte.

Franz Rappolt, um 1920 © Privatbesitz

Notverkäufe

Um die «Judenvermögenssteuer» zahlen und überleben zu können, musste Rappolt seine Kunstsammlung und Möbel zu Geld machen. Für das Hackert-Gemälde erhielt er im Mai 1939 von der «Hamburger Galerie Gurlitt» siebenhundert Reichsmark. Acht Monate später vertrieb es Gurlitt zum vierfachen Preis (2850 RM) an seinen Kollegen Haberstock in Berlin. Der in der braunen Prominenz gut vernetzte Kunsthändler war auf Alte Meister und deutsche Romantik spezialisiert. Er saß in der Verwertungskommission für «Entartete Kunst» und war einer der wichtigsten Einkäufer für das geplante Hitlermuseum, für das Beutekunst aus ganz Europa zusammengerafft wurde. Die idyllische Landschaft mochte der Vorstellung des Menschenschlächters von «germanischer Geniekunst» entsprochen haben, denn Haberstock erhielt dafür die stattliche Summe von 11.500 Reichsmark aus der Kasse der Reichskanzlei.

Vom Salzbergwerk an die Wände des Auswärtigen Amtes

Nach Kriegsende wurde es in von der Kunstspähtruppe Roosevelts, den «Monuments Men», in einer abenteuerlichen Aktion aus den gesprengten Stollen des Salzbergwerks von Altaussee in Österreich geborgen, wo die Nationalsozialisten ihre Kunstschätze vor Luftangriffen versteckt hatten. Zusammen mit etwa 7000 Kunstwerken gelangte es in den Münchner Central Collecting Point am Königsplatz, der Sammelstelle für zu restituierende NS-Raubkunst. Wessen Provenienz bis 1949 nicht geklärt werden konnte, wurde als „Restbestand“ dem Bayerischen Ministerpräsidenten übergeben und war fortan Bundeseigentum, mit der Auflage, Provenienzforschung und Restitution fortzusetzen – was bekannterweise kaum geschah.

Als 1963 die Treuhandverwaltung auf das Bundesschatzministerium überging, waren dreißig Jahre seit dem Machtantritt der Nazis verstrichen und die Eigentumsansprüche verjährten nach und nach. Nun wurde das Fell des Bären zerlegt: Die kunsthistorisch wertvollsten Stücke, etwa tausend, wurden auf Museen verteilt, während die «weniger bedeutenden Stücke zu Ausstattungszwecken an Bundesministerien oder andere Bundesbehörden ausgeliehen wurden», wie die Kunstverwaltung des Bundes trocken schreibt. «Der Spiegel» bemerkt 1963 ironisch, in dem «geplünderten Depot sind nur noch großformatige Werke oder Möbel wie der sperrige Schreibtisch Hitlers» verblieben.

Fehlende Sensibilität

«Eigentum des AA» prangt auf dem großen Etikett der Bildrückseite. Welcher Minister oder Beamte des Auswärtigen Amtes das Hackert-Gemälde aus dem Depot holte und in welchem Raum es jahrzehntelang hing, ist nicht in der Datenbank der Kunstverwaltung des Bundes publiziert, noch war es auf schriftliche Anfrage zu erfahren. Obgleich die Verantwortlichen nicht ungesetzlich handelten, offenbart der laxe Umgang mit Objekten aus dem Reichsvermögen doch ein Mangel an Feingefühl gegenüber der Vergangenheit. Eine Sache ist, raubkunstverdächtige Werke mit entsprechender Beschriftung in Museen der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, eine andere, Amtsstuben damit zu zieren – und das bis nach den Washingtoner Erklärungen. Galt nicht gerade das Außenministerium als Aushängeschild der freiheitlich-demokratische Metamorphose nach der Nazidiktatur ?Heute ist der ehemalige Hauptsitz am Rhein eine Station des Geschichtsrundwegs «Weg der Demokratie».

Im Sinne des Goethe-Verehrers Rappolt

Im Jahr 2017, also 74 Jahre nach dem Tod von Franz Rappolt, war es dann soweit. Das Hackert-Gemälde wurde der Erbengemeinschaft, die anonym bleiben möchte, restituiert. Ihre Entscheidung, das Familienstück der Casa di Goethe als Leihgabe zu überlassen, kam nicht von ungefähr. Franz Rappolt fühlte sich der deutschen Kultur verpflichtet, er veranstaltete Kammermusikabende und sammelte Kunst. Ein Goethe-Porträt hing in seiner Villa im Hamburger Stadtteil Winterhude. Als Student unternahm er eine mehrmonatige Bildungsreise nach Italien. Es könnte sein, dass er das Landschaftsbild auf oder nach jener Reise erwarb.

Im Museum der via del Corso 18, unweit der Spanischen Treppe und des Caffè Greco, hat es nun einen würdigen Platz gefunden. Es ergänzt wunderbar die Sammlung des Hauses, wo neben weiteren Veduten von Hackert und Tischbein Zeichnungen und Bücher Goethes ausgestellt sind, die seine Italienreise (1786-88) illustrieren.

Das Bergstädtchen Isola di Sora von Jakob Hackert 1794 © Tanja Schultz

Suche nach heiler Welt im Süden

Das 1794 entstandene Ölbild stellt die «Isola di Sora» dar, ein mittelalterliches Burgstädtchen an einem tosenden Wasserfall im Bergland südöstlich von Rom (heute Isola del Liri). Hackert hatte das wild-romantische Naturschauspiel zwei Jahrzehnte zuvor für die Bildungsreisenden der Grand Tour entdeckt und vermarktete es in verschiedenen Werken. Es wurde zum obligatorischen Abstecher auf der Reise von Rom nach Neapel und diente als beliebtes «Postkartenmotiv», das die ersten Italientouristen als Souvenir oder Dokument mit nachhause nahmen. Goethe lobte die technische Meisterschaft des Malers die «Natur abzuschreiben», sie in eine harmonische Komposition zu zwingen wie die perfekten Proportionen antiker Statuen. So gebot es die klassizistische Strömung seiner Zeit. Heute ist die Begeisterung für diese topographisch exakt wiedergegebenen Landschaften mit Fischer- oder Hirtenidylle nur schwer nachvollziehbar. Aber vor Aufkommen der Fotographie hatten sie eine ähnliche Wirkung wie die stilisierten Fotos von Reisebloggern auf Follower: die von «Sehnsuchtsorten». Sie fungierten als Glücks-Chiffren eines verheißungsvollen Arkadiens, jener poetischen Landschaft, wo der Mensch im Einklang mit der Natur lebt und störende Objekte ausgeblendet sind.

Die Casa di Goethe freut sich

Das Museum beherbergt die Räume, in denen der flüchtige Geheimrat mit Johann Tischbein und anderen jungen Malern in einer ausgelassenen Künstler-WG hauste. Hackert war bewunderter Star unter den deutschen Immigranten, hatte er es doch in zwanzig Jahren zu einem gefragten Landschaftsmaler in Italien gebracht, gekrönt von einem Ruf an den Hof des Bourbonenkönigs Ferdinand IV. in Neapel. Goethe freundete sich mit ihm an und bat ihn um Zeichenunterricht auf seinen Ausflügen nach Tivoli. Sie verband das Naturstudium, das Hackert für die Schöpfung seiner idealen Landschaften voraussetzte, während es Goethe auch zu wissenschaftlichen Thesen in Mineralogie, Botanik und zur berühmten Farbenlehre anregte. Hackert attestierte seinem Schüler ein beachtliches zeichnerisches Talent. Goethe hingegen ehrte den literarisch weniger dotierten Malerfreund, indem er dessen Memoiren verfasste.

Kunst als Botschafter

«Es ist ein Beispiel dafür, dass Kunst selbst nach langer Zeit einen Beitrag dazu leisten kann, tiefe Wunden zu schließen», begrüßt die Direktorin Maria Gazzetti die großzügige Geste der Erben. Das Bild kehrt also nach langer Odyssee in sein Geburtsland zurück. Ein heute surreal anmutendes Kapitel der deutschen Geschichte schließt sich somit auf stille, glückliche Weise.

Doch ist das kein Grund zum Schulterklopfen. Bei den etwa 2700 Kunstobjekten aus der NS-Zeit, die sich noch im Bundesbesitz befinden, bestehe laut Kunstverwaltung derzeit zwar kein konkreter Raubkunstverdacht. Einen solchen konnten die Experten in der Bundestagsanhörung vom 7. Februar 2019 aber nicht völlig ausschließen. Zeigt doch nicht der Fall Rappolt einmal mehr, wie belastet allgemein der Kunsthandel im Dritten Reich war und dass durchaus heute noch neue Beweise auftauchen und Eigentümer ermittelt werden können. Vielleicht klärt sich ja noch die Herkunft der anderen beiden italienischen Landschaften von Hackert, die in der Lost-Art-Datenbank dokumentiert sind. Einen sinnvollen Ausstellungsort gäbe es jedenfalls.