Vatikanische Museen: Wo die Blinden sehen lernen

Pioniere in Museumsdidaktik

Die Wahl von Antonio Paolucci zum Direktor der Vatikanischen Museen hatte Papst Benedikt XVI. vor drei Jahren wohlbedacht getroffen. Lange Zeit standen die gewaltigen Kunstgalerien der Pontifices im Ruf nur mehr aus der Vergangenheit zu zehren. Man betrachtete es als nicht nötig, die vor allem nach dem Museumskonzept des 19. Jahrhunderts aufgestellten antiken Statuen, Büsten und Gemälde, didaktisch dem Besucher besonders aufzubereiten oder wenigstens ausführlicher Beschriftungen anzubringen. Der Besucherstrom floss ohnehin mehr als reichlich.
Antonio Paolucci
Mit Antonio Paolucci fegt nun ein deutlich frischer Wind durch die uralten Galerien des Vatikanstaats. Der einundsiebzigjährige Kunsthistoriker ist nicht nur ein anerkannter Fachmann für Renaissancemalerei, ausschlaggebend sind seine Erfahrungen in Kulturmanagement. Er war fast zwei Jahrzehnte Soprintendent des Florentiner Museumspol und wurde 1995 zum italienischen Kulturminister gekürt. So ist ihm nicht nur die Problematik um die Erhaltung und Verwaltung von Kulturgütern vertraut, sondern vor allem die geistige Vermittlung des reichen italienischen Kulturerbes an die heutige Gesellschaft.

Paolucci stellte letzten Dienstag auf einer Konferenz im Vatikan sein neues didaktisches Konzept vor. Einleitend hob er die Besonderheit der Privatsammlung der Päpste im Vergleich zu anderen Museen heraus:

„Die vatikanischen Museen stellen eine besondere Realität dar. All die von den Päpsten über die Jahrhunderte gesammelten oder in Auftrag gegebenen Werke, die von Michelangelo bis zu den australischen Aborigines reichen, sind höchster Ausdruck von Schönheit im Dienste des Glaubens. Sie versinnbildlichen die tiefe Identität der römisch katholischen Kirche, die intime Union zwischen Gott und den Menschen.“

Der Professor sieht seine Aufgabe als „Erzähler und Vermittler“ dieser Inhalte, und zwar in einem 360-Grad-Radius. „Mir gefällt es, mein Wissen weiterzugeben und die verschiedenen Besucherkategorien einzubeziehen und zu begeistern, aber ganz besonders am Herzen liegt mir die junge Generation. Die Galerien sind eine Schatzkiste, die es zu entdecken gilt.“

Zu begeistern fällt dem gemütlichen Herrn mit den stets schmunzelnden Augen nicht schwer. Die Zuhörer hängen ihm förmlich an den Lippen, gleich welchen Alters. Natürlich haben nur wenig Auserwählte das Vergnügen, von dem vielbeschäftigten Direktor durch die Säle geführt zu werden. Dafür steht neuerdings hingegen eine Truppe ausgebildeter Museumspädagogen zur Verfügung.

Während bereits im letzten Jahr themenbezogene Führungen und Kurzseminare für das ältere Publikum, das heißt für Rentner und Volkshochschulbesucher angeboten wurden, hat man nun das Programm auf Kinder aller Altersstufen und Behinderte erweitert. Neu sind die Führungen, Kunst-AGs und Labors für Kinder vom Grundschulalter an. So zeigen ihnen Restauratoren, wie ein Fresko oder eine Tafelbild entsteht und lassen sie anschließend selbst mit dem Pinsel experimentieren. Die Museumsleitung möchte in Zukunft verstärkt mit den Schulen neue Konzepte für altersgerechte Kunsterziehung entwickeln. Handwerkliche Kreativität, Wissen und Sinneserlebnisse sollen gleichzeitig gefördert werden.

Moderne Kunsterziehung für Kinder in Museen mag in Deutschland ein alter Schuh sein. In Italien mit seinem immer noch humanistisch geprägten Lehrstoff und dem traditionellen Frontalunterricht sind alternative pädagogische Programme mit praktischer Anwendung noch ein relativ junges Feld. Geschichte wird ab dem dritten Schuljahr unterrichtet, dazu gesellt sich Kunstgeschichte ab dem sechsten Jahr. Museumsbesuche werden von jeher in jedem Schuljahr durchgeführt, aber meistens hat der Lehrer Schwierigkeiten, das wirkliche Interesse und vor allem Begeisterung der Schüler für die Werke vergangener Jahrhunderte zu wecken. Insofern sind die neuen Kunst-AGs in den vatikanischen Sammlungen eine echte Chance, Kinder und Jugendliche für „greifbare“ Kunst und Geschichte zu gewinnen.

Das eigentlich Revolutionäre an dem neuen didaktischen Angebot des Vatikans sind jedoch die speziellen Führungen für Blinde und Gehörlose. Hierin sind sie tatsächlich Pioniere. Blinde sind ja nun einmal bei ihrer Kunsterfahrung auf Tasten, Riechen und Hören beschränkt, auf Sinne, die sie jedoch oft sensibel trainiert haben. Wie aber erklärt man einem Nichtsehenden die Farben und Formen eines Bildes? Die vatikanischen Restauratoren haben das berühmte Bild der Grablegung Christi von Caravaggio „umgesetzt“ in ein Gipsrelief, das die Möglichkeit gibt, die dargestellten Figuren zu ertasten. Auch Farben sind durch spezielle Oberflächenbeschaffenheiten differenziert. Dazu dürfen die Besucher ein Leintuch befühlen, so wie das, in das Christus auf dem Gemälde gehüllt ist. Außerdem lässt man sie an echter Myrrhe schnuppern, damit sie in die Atmosphäre der Grabszene eintauchen können. Während ein Museumspädagoge allgemeine Informationen über den Maler und seine Epoche gibt, stimmt ein Musiker mit gregorianischen Gesängen auf das Werk ein.

Für Gehörlose hingegen engagiert man Kunsthistoriker, die die italienische Gebärdensprache beherrschen. Führungen werden mittwochs und samstags in Gruppen bis maximal 15 Personen angeboten. Auf dem bisherigen Programm steht die Besichtigung der Raffael-Stanzen, die Sixtinische Kapelle und das Museum Pio Clementino mit der griechisch-römischen Kunstsammlung.

Die Führungen für Blinde und Gehörlose werden in Gruppen durchgeführt und sind kostenlos (auch für die Begleiter). In deutscher Sprache werden bisher nur Rundgänge durch die Sammlungen für Erwachsene und Schulklassen angeboten, nicht aber für Behinderte. Aber Antonio Paoluccis neues didaktische Programm ist noch lange nicht erschöpft, wie er bei der Konferenz offenbarte. Wir sind gespannt.

Hinweis: Alle Führungen sind anmeldepflichtig, per mail visitedidattiche.musei@scv.va oder telefonisch(0039) 06 69 88 31 45  oder  (0039) 06 69 88 31 45