Meisterzeichner ohne Geschäftssinn

Die Kunstgeschichte hat so manchem Talent einen geringfügigeren Platz zugewiesen als es verdiente. Der nach Italien ausgewanderte Landschaftszeichner Christoph Heinrich Kniep (1755-1825) mag zu diesen gehören. Eine exzellente kleine Ausstellung in der römischen Casa di Goethe versucht nun anlässlich seines 200. Todestags eine verspätete Würdigung.

(ytali 19.12.2025) Als der Maler Wilhelm Tischbein im März 1787 die pulsierende Großstadt Neapel nach Kniep durchforstete, fand er den Künstlerfreund aus gemeinsamen römischen Tagen in einer schäbigen Dachkammer vor, vertieft über eine Zeichnung und inmitten der schönsten Veduten der Gegend am Vesuv. Das Angebot, Goethe auf seiner Reise nach Sizilien als Chronist an seiner statt zu begleiten, nahm der darbende Kunstimmigrant sogleich dankbar an. Ein Geschenk des Himmels! Die fast sieben gemeinsamen Wochen mit dem illustren Geheimrat sollten seinem Leben eine Wende geben: sie machten ihn bekannt – hauptsächlich als Reisegefährten Goethes – und gaben seiner künstlerischen Entwicklung Impulse. Allerdings richtig satt wurde der Sohn eines Hildesheimer Bierbrauers auf der Studienreise über die kaum erschlossene Insel nicht, gestand er später in einer vertraulichen Tischrunde. Sein vornehmer Arbeitgeber, dem die stürmische Seefahrt nach Palermo noch im Magen lag, hielt nichts von Völlerei. Aber der hatte auch nie Hunger kennengelernt.

Der Eigenbrötler und Autodidakt Chr. H. Kniep, Selbstbildnis, ca. 1785, Römer and Pelizaeus Museum, Hildesheim

Er konnte wohl nicht anders

Die von Tischbein überlieferte Szene ist emblematisch für Kniep, der über vierzig Jahre in Italien verbrachte, drei in Rom, den Rest in Neapel. Höchst geschätzt für seine Kunst, kam der schüchterne Eigenbrötler finanziell dennoch kaum auf einen grünen Zweig. Er kannte Geistesgrößen wie Klopstock und Herder, konnte sich Auftraggebern aus dem Hochadel rühmen, etwa Herzogin Anna Amalia, doch gelang es ihm nicht, einen geduldigen Mäzen zu finden, noch sich eine feste Kundschaft aufzubauen, die ihm ein gesichertes Einkommen garantiert hätte. Dafür arbeitete er zu langsam und verkaufte seine Werke unter ihrem Wert, erklärt uns Tischbein. Selbst im Nekrolog wird diese Eigenschaft hervorgehoben: „der fremde Liebhaber musste ihn aufsuchen und ansprechen, sonst bekam er den gar zu eingezogen lebenden Künstler und dessen Arbeiten kaum zu sehen.” Nicht jedes Talent ist mit sozialem Ehrgeiz und Geschäftssinn geboren!

Gut Ding will Weile haben

Doch: Jeder, der seine Arbeiten zu Gesicht bekam, staunte. „Ich habe nie Skizzen wie seinige gesehen. Jede ist ein akademisches Meisterstück. (…) Er ist ein Vertrauter der Natur“, notierte die deutsch-dänische Schriftstellerin Friederike Brun 1796 in Neapel. Seine filigranen, mit dem Bleistift oder der Tusche gezeichneten und anschließend mit dem Sepiapinsel in feinsten Brauntönen lavierten Landschaften faszinierten nicht nur Zeitgenossen. Noch heute verliert sich das Auge des Betrachters in der realistischen Pflanzenwelt des Bildvordergrundes, ist gebannt von kleinteiligem Buschwerk oder dem von Erosion zerfressenen Grottengestein, das sich wie mit dem Objektiv scharf gezoomt vom dunstigen, blasseren Horizont absetzt. Seine Veduten sind selten kleine Ausschnitte der Natur, sondern öffnen den Blick auf ein weites, endlos wirkendes Panorama. Dabei liebte Kniep das Detail. Heute haben seine Werke einen hohen dokumentarischen Wert, zumal sie antike Ruinen von berühmten Stätten zeigen wie Paestum, Pompeji, Agrigent oder des Kolosseums, das damals von wilden Pflanzen überwuchert und noch nicht ergänzt war.

Tatsächlich war Knieps Markenzeichen der Umriss, immer wieder spitzte er den Bleistift, während er Horizont, Bäume, Architektur oder Wolken mit einem zarten Strich konturierte. „Italien in Linien“ ist dann auch der Titel der von Claudia Nordhoff kuratierten Retrospektive. In vier Räumen illustrieren zweiundvierzig Werke, darunter Leihgaben aus Weimar, Hamburg und Düsseldorf, die einzelnen Schaffensphasen Knieps, von seinen Anfängen als Porträtzeichner in Hamburg bis zu seinen beliebten großformatigen Ideallandschaften, die in Italien entstanden.

Chr. H. Kniep, Die Grotte von Bonea bei Cava de’ Tirreni, Klassik Stiftung Weimar

Kein Geld für Ausbildung zum Maler

Knieps Ausbildung erfolgte in Werkstätten, nicht auf der Akademie. Die lukrative, angesehenere Ölmalerei hat er nicht erlernt, offenbar weil er nach der Ankunft in Rom 1783 schnell Geld verdienen musste. Es bot sich die Spezialisierung auf Landschaften und Veduten, die sich besser an Bildungsreisende der Grand Tour verkauften als Porträts. In Rom schloss er sich Tischbein und den hessischen Malern Bury und Schütz an, die ihn unter ihre Fittiche nahmen. Von Jakob Philipp Hackert, damals bewunderter Star unter den gut siebzig deutschen Künstlern in der Papststadt, übernahm er das Naturstudium. Anders jedoch als der der Aufklärung verpflichtete Prenzlauer, der zum Hofmaler des Bourbonenkönigs avancierte, komponiert Kniep seine Szenen spielerisch mit Bauwerken und kleinen Figuren nach Art eines Capriccios. Besonderen Gefallen fanden seine Staffagen mit im Vordergrund platzierten antik gewandeten oder mythologischen Figuren, die an arkadische Ideallandschaften Claude Lorrains (17. Jh.) erinnern, an eine heile Welt, wo Mensch und Natur im friedlichen Einklang miteinander leben.

„Kniep zeichnet die Landschaft, während ich sie nur schematisiere“ (Goethe)

Sizilien war für den nach Griechentum und der Urpflanze suchenden Goethe der Höhepunkt seiner Italienerfahrung. Die mediterrane Landschaft mit den Tempeln ließen „die Odyssee Homers lebendig erstehen“. Ein Konvolut von sechzig Zeichnungen sind erhalten, darunter etwa zehn, die Kniep zugeschrieben werden. Es handelt sich vor allem um Umrisszeichnungen von Palermo, den Tempeln und dem Theron-Grabmal in Agrigent oder dem Theater von Taormina, die in der Schau zu sehen sind. Sie dienten Goethe als Gedächtnisstütze für seine Reisebeschreibung, auch als Vorlage für eventuelle Buchillustrationen. Goethes Verhältnis zu Kniep blieb geschäftsmäßiger Natur. Dem Dichtergenie mögen die geistigen Veranlagungen des Landsmannes, der Hildesheimer Platt sprach (und schrieb!), nicht für einen dauerhaften Briefwechsel genügt haben.

Die Bucht von Neapel mit Blick auf den Vesuv, 1787, Düsseldorf, Goethemuseum

Schwierige Zeiten nach der Revolution 1799

Das Jahrzehnt nach der Rückkehr aus Sizilien war das fruchtbarste für Kniep. Goethe vermittelte ihm weitere Aufträge für den Weimarer Hof, die er allerdings aufgrund seines Perfektionsdrangs mit großer Verspätung ablieferte. Besonders glücklich waren die Monate in der Künstler-WG mit Tischbein und Heinrich Meyer, dem Schweizer Kunstberater Goethes, an der herrlichen Uferpromenade Riviera di Chiaia 170, wo er bis zum Tod wohnen sollte. Als 1799 französische Revolutionstruppen Neapel besetzten, floh er nicht im Gegensatz zu Tischbein, Hackert und den meisten Ausländern. Allerdings stockte der Kunsttourismus bis zur definitiven Rückkehr des Königs 1816 und für Kniep wurden es beruflich schwierige Jahre, zumal die Freilichtmalerei aufkam und Knieps Stil antiquiert wirken ließ. Er beklagte die Knickrigkeit der Engländer, die „Kunstwerke und Fabrikarbeiten in eine Waagschale werfen“. Der veränderte Markt zwang ihn am Ende doch noch über seinen Schatten zu springen: er suchte Kontakt zum örtlichen Adel, fertigte weniger aufwendige Kreidezeichnungen an, versuchte sich im Korkmodellbau von Tempeln, gutverkäufliche Souvenirs, und nahm an der Neugestaltung der Uferparkanlagen, des „Real Passeggio“, teil. Die Berufung mit 67 Jahren zum Professor an die königliche Accademia delle Belle Arti, gleichwohl ohne jeglichen Sold, zeigt eine gewisse Wertschätzung zumindest in Fachkreisen.

Wenn er auch in ärmlichen Verhältnissen verschied, so starb er nicht in Einsamkeit. Ob seine Lebensgefährtin Marietta, eine fröhliche Neapolitanerin, damals noch lebte, ist nicht gesichert. Aber acht Karossen mit Freunden und Schülern bildeten den Trauerzug zum Begräbnisplatz hinter der Kirche San Carlo all’Arena, der für Nichtkatholiken bestimmt war. Insofern könnte man die Geschichte des deutschen Künstlers auch unter dem Aspekt einer sozialen Integration betrachten.

Die Ausstellung „Italien in Linien – Meisterzeichnungen von Christoph Heinrich Kniep (1755-1825)“ läuft noch bis zum 11. Januar 2026: Museo Casa di Goethe, Via del Corso 18, 00186 Roma, Di-So 10-18 Uhr; der begleitende Katalog (de/it) publiziert erstmals die Briefe Knieps, neben der Rekonstruktion seines Werdegangs wird auch ein lebendiges Bild von den deutschen Kunstmigranten in Rom und Neapel gezeichnet.